Erschienen
in:: "musikpraxis", Fidula-Verlag
Andreas Mohr
Jedes Kind kann singen –ja aber
Eine Neuerscheinung mit vielversprechendem Titel
Pünktlich zur Bundesschulmusikwoche war es da: das Buch über Stimmbildung
im Kindergarten. Zwei Autorinnen, Lehrerin Mirka JemenDzakis und Schülerin
Michaela Hefele scheuen keinen Aufwand. Sogar eine DVD mit Videosequenzen der
im Buch beschriebenen Stimmbildungsübungen und –spiele liegt bei.
Das Buch enthält eine ganze Reihe von Stimmübungen und -spielen,
die durchaus für Kinder im Vorschulalter geeignet sind und allerlei Erfahrungen
mit der Singstimme ermöglichen, sowie 12 „Stimmbildungsgeschichten“,
in denen mit der Stimme produzierte Klänge die Handlung illustrieren und
die Singfähigkeiten der Kinder verbessern sollen. Darüber hinaus
findet sich im ganzen Buch eine einleitende Abhandlung über Anatomisches
der Kinderstimme und gesellschaftliche Defizite beim Kindersingen, ein einziges
(!) Kinderlied sowie ein „Schnellkursus: Stimmbildung für Pädagogen“.
Um es geradeheraus zu sagen: Es ist ein höchst merkwürdiges, ja gefährliches
Buch. Das einleitende Kapitel vermischt relativ sorglos humanistisches Gedankengut,
esoterische Ansichten und ungenaue oder falsche anatomische bzw. physiologische
Informationen. Längst widerlegte Ansichten zum Resonanzgeschehen: „die
Kehle alleine produziert nur sehr wenig Klang“, falsche pädagogische
Anweisungen: „die Männerstimme aber muss den Kindern in der Falsettstimme
vorsingen“und fragwürdige anatomisch/physiologische Behauptungen: „beim
Singen und Sprechen vibriert das Bauchfell wie ein Trommelfell mit und leitet
den Ton weiter“überraschen den aufmerksamen Leser, und wenn er auf
S. 17 zum ersten Mal das Wort „Ball“liest, ahnt er nicht, in wie
vielen Zusammenhängen ihm dieses Wort in dem Buch noch begegnen wird.
Die eigentlich löbliche Absicht, mit den Kindern in einer der Kinderstimme
angemessenen Lage zu singen, wird im Laufe des Buches zur unflexibel gehandhabten
Forderung, man müsse Lieder immer mit f2 oder g2 beginnen: „es ist
sinnvoll, bei den drei- und vierjährigen Kindern die Lieder mit einem
hohen Ton, also f2 oder g2 zu beginnen“. Und wer meint, so ernst dürfe
dies doch nicht gemeint sein, wird spätestens beim Anschauen und –hören
der Videosequenzen auf der beigefügten DVD mit der gnadenlosen Konsequenz
solcher Forderung konfrontiert. Die Kinder singen und schreien tatsächlich
fast ausschließlich in der Lage zwischen c2 und g2.
Die absolute Fantasielosigleit, durch die sich die Melodien der Stimmbildungsübungen
auszeichnen –neun Zehntel der Übungen verwenden das Oktavarpeggio
abwärts –wird noch übertroffen durch die anscheinend allheilmittelartig
verwendete Klangsilbe „Ball“, mit der die unterschiedlichsten Stimmprobleme
offenbar mit Leichtigkeit gelöst werden können. So ist dieselbe Dreiklangsbrechung,
auf „Ball“gesungen, gut für das Training der Kaumuskeln, die
Kieferöffnung, die Gesichtsmuskeln, gegen Hochatmung, für die Dehnung
des Zwerchfells in die Länge und in die Breite (was immer das physiologisch
bedeuten soll), für das Lösen von Schleim, der sich in der Kehle
gesammelt hat usw. Vollends absurd wird es, wenn von der „Kinderstimme
des Mannes“die Rede ist, und an die Grenzen der Körperverletzung
geht die Anweisung, man solle „mit dem Daumen nahe am Hals über
dem Schlüsselbein bei jedem gesungenen Ton in die Muskulatur“drücken,
um das „Stimmband zu aktivieren“, oder „mit einem Finger
werden die Wirbel vom siebten Halswirbel aus mit starkem Druck nach unten und
dann nach oben bis in den Haaransatz gerieben“. Dies sei übrigens
besonders gut, wenn man erkältet ist. Und weiter: „Bei Erkältung
ist es ebenfalls entscheidend, dass man nicht mit dem Singen aufhört.“
Am Ende des Büchleins wird auf kaum mehr als zwei Druckseiten „die
Bedeutung der Stimme im Umgang mit körperlich und geistig behinderten
Kindern“abgehandelt. Autorin dieser Seiten ist Christine Elmiger –oder
heißt sie Christina Elminger, wie an anderer Stelle vermerkt? Hier erfährt
der staunende Leser, dass „auch auf der Toilette nützliche Beobachtungen
gemacht werden können. Dort wird die Innenmuskulatur besonders benutzt
und ein wenig lautierendes Kind kommt erfahrungsgemäß viel stärker
ins Lautieren, wenn es sich auf der Toilette aufhält.“Es zeugt von
sehr viel Mut –oder ist es Sorglosigkeit? –das komplexe Thema des
Stimmeinsatzes in der Heilpädagogik den Leserinnen und Lesern in so fahrlässiger
Verkürzung vorzustellen. Was haben sich die Autorinnen dabei gedacht?
Sollen diese zwei Seiten den pädagogischen und therapeutischen Fachkräften
die Art und Weise aufzeigen, wie sie den Umgang mit der Stimme in ihrer Arbeit
einbringen können?
Fazit:
Es schmerzt, dass ein Buch mit eigentlich guten Spielideen und dem an sich
richtigen Ansatz, die Kinderstimme in einer ihr angemessenen Lage zu fördern,
wegen entscheidender sachlicher Fehler, fachlicher Irrtümer und einer
starr gehandhabten, atmosphärisch eher abstoßenden Pädagogik
scheitert.
Hier die bibliografischen Daten:
Michaela Hefele, Mirka JemenDzakis
Jedes Kind kann singen
Stimmbildung in Kindergarten und Grundschule
Buch + DVD
Kassel, Bosse 2006
131 Seiten, 24,95 €
ISBN 978-3-7649-2645-8 |