Der
kleine Hey – Die Kunst des Sprechens
Das multimediale Trainingsprogramm
Ein mutiges Unterfangen, dem geradezu kultartig erfolgreichen Sprecherziehungsbuch „Der
kleine Hey - Die Kunst des Sprechens“ ein multimediales Programm
auf DVD an die Seite zu stellen. Als jahre- oder schon jahrzehntelanger
Benutzer dieser „Sprecherziehungsbibel“ war ich zuerst
erschrocken und hatte Sorge, dass sich in der modernen (modischen?)
Hülle eine Mogelpackung befinden und von dem eigentlichen Charme
des Standardwerks deutscher Sprecherziehung nur wenig übrig
bleiben könnte.
Nach dem Intro mit dem Bild vom Stuttgarter Wilhelma-Theater und den in klirrend
kalter Januarluft das Theater betretenden Schauspiel-Schülern der Staatlichen
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart öffnet sich
das Hauptmenü mit dem Inhaltsverzeichnis, untermalt von einer etwas nervigen
Silben-Rap-Schleife. Atmung, Vokale, Konsonanten, Rhythmus und Dynamik, Sprechen
mit Mikrofon, Praxis täglich: Die Stimme - so heißen die einzelnen
Kapitel.
Nach einer kurzen Einführung in Funktion und Ablauf der Atmung mit gut
und hilfreich vorgemachten Atembewegungen folgen die beiden phonetischen Hauptkapitel.
Die zwei Sprecherzieher Christiane Klann und Marc Aisenbrey demonstrieren zusammen
mit vier Schülern der Schauspielschule sämtliche Vokale und Konsonanten
der deutschen Sprache, Für jeden Laut machen die beiden Sprecherzieher
mit zahlreichen Wörterbeispielen den richtigen Klang deutlich und geben
wichtige und hilfreiche Hinweise zum Regelwerk der deutschen Aussprache. Zuweilen
sind diese Regeln nicht ganz vollständig. Die Akteure halten sich relativ
eng an den Originaltext von Julius Hey bzw. Fritz Reusch, tauschen gelegentlich
veraltete Wörter gegen aktuellere aus und stellen der zuweilen überholten
phonetischen Einteilung Heys die moderne Systematik gegenüber, leider
nicht immer konsequent, so dass eine eindeutige Einteilung der Laute mit ihren
Verwandtschaftsbeziehungen nicht klar genug wird. Wenn mir die akustische Präsentation
von Christiane Klann besser gefällt als die von Marc Aisenbrey, so liegt
das an ihrer sehr natürlich wirkenden Sprechweise gegenüber dem etwas
gekünstelt wirkenden Vortrag des Mannes, dem freilich einige Fehlerdemonstrationen
(A-Nasalierungen) frappierend treffend gelingen.
Spätestens bei der Darbietung von „Barbara saß nah am Abhang …“ ist
der Benutzer dieser DVD ganz im Bann von Julius Hey. Nahezu alle Übungsverse
Heys aus dem Buch werden von den Schauspielschülern Anne Diemer, Annabel
Leip, Ricardo Frenzel und Stefan Wang mustergültig vorgetragen, behutsam
in Szene gesetzt im malerischen Ambiente von Zuschauerraum und Bühne des
zauberhaften Wilhelma-Theaters Stuttgart. Wem die Totale des sprechenden Akteurs
nicht deutlich genug die artikulatorischen Bewegungen demonstriert, kann bei
vielen Szenen mit der Multiangel-Funktion seines DVD-Spielers auf Großaufnahme
umschalten und so der/dem Sprechenden direkt in den Mund schauen. Dies ist
für das eigene Training sicher von großem Nutzen. Die Totale aber
mit ihrer zart angedeuteten Raumatmosphäre verleiht den Hey’schen „Sprech-Etüden“ (Fritz
Reusch) einen ganz eigenen Zauber. Abgesehen von dem großen pädagogischen
Nutzen der so dargebotenen Übungsverse ist die mit Fingerspitzengefühl
und Qualitätsbewusstsein gelungene visuelle und auditive Präsentation
auch ein wirklicher ästhetischer Genuss.
Die Autoren haben der Ausgabe noch einige weitere Abschnitte angefügt:
Das Kapitel „Rhythmus und Dynamik“ zeigt einen (zu) kurzen Einblick
in die Möglichkeiten der Deklamation, “Sprechen mit Mikrofon“ gibt
in Wort und Bild 20 nützliche Regeln zum Verhalten am Rednerpult. Schließlich
ist der DVD unter dem Titel „Die Stimme“ ein Beitrag des ZDF aus
seiner Reihe „Praxis täglich“ beigegeben. Diese Sendung fällt
freilich gegenüber den anderen Beiträgen qualitativ merklich ab.
Wie hilflos der Moderator an einem groben 3-D-Modell die Stimmfunktion erklärt,
ist schon beinahe peinlich. Im Rest der Sendung wird in einer Gesprächsrunde
ausführlich auf Stimmbeeinträchtigungen und Stimmstörungen eingegangen
- mit zum Teil nützlichen Informationen durch einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt.
Die „Quarks & Co.“ - Redaktion des WDR hat im Januar 2003 gezeigt,
wie man das Thema „Stimme“ im Fernsehen eindrucksvoll und professionell
gestalten kann. Dem Schott-Verlag sei anempfohlen, bei einer Neuauflage der
DVD die ZDF-Sendung gegen die „Quarks & Co.“-Sendung auszutauschen.
Zuletzt möchte ich noch auf den ROM-Teil der DVD hinweisen: hier kann
der Benutzer am PC per Mikrofon seine eigene Stimme aufnehmen und das Ergebnis
mit vorgesprochenen Musterwörtern vergleichen – eine hilfreiche
und effiziente Trainingsmethode. Leider werden die Musterwörter nur von
einer männlichen Stimme angeboten. Eine Wahlmöglichkeit zwi-schen
Männer- und Frauenstimme wäre noch hilfreicher gewesen.
Der interaktive Trainingsteil wird zusätzlich als CD mitgeliefert, so
dass auch PC-Benutzer ohne DVD-Laufwerk in den Genuss dieser Trainingsmöglichkeit
kommen. Darüber hinaus liegen alle Übungswörter und Sprechverse
in Schriftform als Pdf-Dateien vor, ebenso ein Ausschnitt aus dem Buchvorwort
sowie das Kapitel „Stimmprüfung“, die zwanzig Regeln zum Sprechen
mit Mikrofon und ein Glossar. Erwähnenswert sind auch die anatomischen
Tafeln mit einem Längsschnitt durch den menschlichen Kopf und der von
Laut zu Laut verschiedenen Zungen- bzw. Lippenstellung.
Fazit:
Das „Typische und Wertvolle des »Kleinen Hey«“ sind,
wie schon Fritsch Reusch im Vorwort zur Buchausgabe schreibt, die Vokal- und
Konsonantengedichte von Julius Hey. Dass diese Sprechverse nun in multimedialer
Aufbereitung auf DVD vorliegen, ist für mich die eigentliche Leistung
dieser Neuerscheinung. Sie ergänzt das Buch in sinnvoller und - wie ich
meine - auch ästhetisch höchst gelungener Weise. Die weiteren Kapitel
der DVD tragen zum praktischen Nutzen bei. Der interaktive Trainingsteil kann
vielen Benutzern eine wirkliche Hilfe sein.
Die technische Umsetzung ist dem verantwortlichen Autor Wolf Seesemann gut
gelungen, die Interaktion in den verschiedenen Menüs funktioniert problemlos,
lediglich die Sounduntermalung der Menüs ist etwas störend. Zusätzlich
wäre mir ein Link jeweils direkt zu den Sprechversen noch willkommen gewesen,
damit man sich die Gedichte auch losgelöst von den Wör-terbeispielen
anschauen und anhören kann.
Der DVD- bzw. CD-ROM-Teil lässt sich problemlos installieren. Die CD ist
zudem selbststartend. Eventuelle Konfigurationsprobleme dürften durch
Beigabe der notwendigen Treiber und Programme weitgehend ausgeschlossen sein.
Schade, dass der ROM-Teil nur auf Windows-PCs läuft. Macintosh-Besitzern
bleibt so „nur“ der Genuss der DVD-Videos.
Andreas Mohr
Der kleine Hey. Die Kunst des Sprechens. Das multimediale
Trainingsprogramm. Mainz: Schott 2003 |