<%@LANGUAGE="JAVASCRIPT" CODEPAGE="1252"%> Alles ueber Kinderstimmbildung: Diskussionsforum

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Hier finden sie Diskussionsbeiträge zum Thema Singen mit Kindern.
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16. 12. 2008 Samuel Schick
Kommentar zur Sendung: "Guten Morgen, liebe Welt: Singen in der Schule" (SWR2, 15.12.2008)
23. 03. 2008 Maria Golbeck
Gedanken zur "Nachhaltigkeit" beim Singen mit Kindern
07. 02. 2007 Andreas Mohr
Leserbrief für VOX HUMANA anlässlich zweier Rezensionen zu dem Buch "Jedes Kind kann singen" von M. Hefele und M. YemenDzakis
11. 01. 2007

Anne-Christine Langenbach
Singen in Kinder-Tageseinrichtungen
Wann gibt es eine Reform der musikalischen Ausbildung der Erzieher/-innen?

15. 09. 2006

Statement von Dr. Winfried Adelmann zur Singlage
30. 01. 2006
Entgegnung auf Herbert Bruhns Artikel (s. u.) von Volker Schneider
17. 08. 2005 Mit Kindern natürlich höher singen.
Beitrag von Birte Reuver zur aktuellen Diskussion über die richtige Singlage
16. 02. 2005 Schöne heile Musikwelt in Osnabrücks Kitas?
Leserbrief von Andreas Mohr zu dem Artikel: »Gute Idee – zu wenig Zeit. Projekt der Bertelsmann-Stiftung: „Kita macht Musik“« in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom 16. 02. 2005
01. 02. 2005

Hochgetriebene Kinderstimmen im Auftrag der Kirche?
Leserbrief
von Andreas Mohr, «Musik in der Grundschule» 2/2005

01. 01. 2005 Schöne, hohe Kinderstimme?
Artikel von Herbert Bruhn in «Musik in der Grundschule» (1/2005)

 


Sendung "Guten Morgen, liebe Welt. Singen in der Schule" vom 15. 12. 2008 (SWR2)
Kommentar von Samuel Schick

Sehr geehrter Herr Mohr,

auf eine Sendung, die ich heute morgen zufällig im Radio hörte muss ich Sie doch aufmerksam machen. Ein Porträt des (peisgekrönten!) Grundschulchors Rastatt unter seinem Leiter Hr. Wild. Offensichtlich ein Mann der für das Singen begeistert ist und auf seine Art auch die Kinder begeistern kann. Ich war aber (als Chorleiter und Stimmbildner der Aurelianer in Calw der die Verantwortung für die Gesundheit der Stimmen wichtig nimmt und auch in Kindergärten Singprojekte durchführt um die
Erzieherinnen für kindgerechtes Singen zu begeistern) hell entsetzt, was dieser Chorleiter den Stimmen seiner Schutzbefohlenen antut. Hochgebrustet bis über die Schmerzgrenze...
Weshalb ich aber hier für das Forum schreibe ist der schlimme Verdacht, dass dies mittlerweile zum vorherrschenden Klangideal geworden ist. Offensichtlich ist die Existenz der Randstimmfunktion mit ihrem Zugang zu leichten und hohen Tönen für diesen Chorleiter ein unbekanntes Phänomen. Wenn nun in allen Publikationen (Felix, Initiative Singen mit Kindern u.v.m.) steht man solle mit den Kindern in kindgerecht hoher Lage singen, bekommt man dann nicht zwangsläufig dieses aus stimmphysiologischer Sicht äußerst bedenkliche Ergebnis? Zumal in der Popkultur, von der auch Hr. Wild, der Klanggebung und spezifischen "Schmierern" nach zu urteilen, stark beeinflusst ist, ja kaum Stimmen mit Vorbildfunktion für Kinder anzutreffen sind (ich kann mangels Überblick nicht sagen ob überhaupt).
Dass Sie der falsche Adressat für diese Kritik sind, ist mir klar. Auf ihren Kursen, oder in der Ausbildung können die Pädagogen natürlich für den Klangunterschied
Kopf/Brust sensibilisiert werden. Ich fürchte aber wir müssen auf diesem Gebiet noch viel mehr praktische Beispiel geben, wenn wir der schädlichen Entwicklung Einhalt gebieten wollen. Publikationen mit gut gemeinten Ratschlägen kann man sich aber bei solchen Zuständen fast sparen, wenn keine Klangvorstellung besteht werden sie sicher missverstanden. Auch bei den oberen Stellen der Schulmusik wie im (Klassik!)-Radio scheint die blanke Unkenntnis über kindliche Stimmpflege zu herrschen, denn der Chor wurde Landesbester in BW. Dabei geht Hr. Wild in dem Interview extra darauf ein, dass er aus den Kindern Sänger machen will und der Autor ezeichnet den Chor sogar als"Durchlauferhitzer für gutes Singen und musikalischen Geschmack"!
Und hier noch der Link, wo man sich die Sendung downloaden kann. Zum Hören besonders empfehlen muss ich das letzte krasse Klangbeispiel der Sendung, das "Badnerlied" mit Soloeinwürfen.
.http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/leben/-/id=660174/nid=660174/did=4175472/1fg37vf/index.html
Mit herzlichen Grüßen!
Samuel Schick (samuelschick<at>vr-web.de)

Hier ist das Hörbeispiel, das Herr Schick in seinem Kommentar am Ende zitiert, als mp3-File zum Herunterladen:

Badnerlied (mp3 - 2,8 Mb)


Maria Golbeck, Einige Gedanken zur "Nachhaltigkeit" beim Singen mit Kindern

Lieber Andreas Mohr,

zum Thema Singen mit Kindern möchte ich gerne einige Gedanken beitragen. Mich bekümmert zunehmend, dass alle Bemühungen um "Nachhaltigkeit" nicht recht fruchten, weil es gerade nicht im Trend liegt sich über eine lange Zeit mit einer Thematik zu beschäftigen. Die Singarbeit mit Kindern muss aber m.E. immer über einige Jahre laufen und am besten über die ganze Zeit, mindestens die gesamte Grundschulzeit, bei einer Person. Oft scheint mir, dass es den Verantwortlichen wichtiger ist, dass ein Projekt mit vielen Kindern von irgendwem gemacht wird, Hauptsache es wird gemacht und kann in der Presse tüchtig beworben werden. Vielfach geht es nicht um die Qualität der Arbeit, geschweige um die Kompetenz der Lehrkraft, um die Nachhaltigkeit für die Kinder, sondern um den schnellen Werbeeffekt für die Schule oder Musikschule. Meine Chorklassenarbeit ist dafür ein gutes Beispiel. Von der ursprünglichen Idee eines Singunterrichts von Klasse 1 bis 4 ist nur die Betreuung der 1. und 2. Klasse geblieben. Ab der 3. Klasse habe ich die von mir in zwei Jahren aufgebauten Stimmen nicht mehr zur Verfügung.
Hinzu kommt, dass der Stellenwert des Singens an der Grundschule bei vielen Eltern nicht hoch genug ist. Immer ist man in einer Konkurrenzsituation mit Computer, Fußball, Mathekids, Economics etc., besonders, wenn die Singstunde in der Betreuungszeit liegt. Am Nachmittag muss dann das Musicalprojekt her, damit überhaupt noch Kinder zum Chor kommen.
Insgesamt kann ich nur den Gedanken des Newsletter vom März beipflichten und allen Kolleginnen und Kollegen, die verantwortlich mit Kinderstimmen umgehen, weiterhin dabei viel Freude wünschen.

Viele Grüße von
Maria Golbeck, An der Illoshöhe 6, 49078 Osnabrück

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Andreas Mohr
Leserbrief zu den Rezensionen „Jedes Kind kann singen“
in der Zeitschrift Vox Humana Jg. 2, Heft 2, (November 2006) und Heft 3 (Februar 2007)

Eigentlich wollte ich stillschweigend darüber hinweggehen, aber was zuviel ist, ist zuviel. In den beiden letzten Heften von VOX HUMANA erschien jeweils eine Besprechung des Buches von Michaela Hefele und Mirka YemenDzakis „Jedes Kind kann singen“, das im Herbst 2006 im Bosse-Verlag erschienen ist.
Nun, dagegen wäre prinzipiell nichts einzuwenden, obwohl es natürlich schon verwundert, wenn dieselbe Neuerscheinung in zwei aufeinander folgenden Ausgaben derselben Zeitschrift mit einer Rezension bedacht wird, noch dazu, wenn der Tenor beider Besprechungen ähnlich ist. Sibrand Basa hält das Buch für „absolut empfehlenswert“und Heinz J. Scholz meint, man könne „den Autorinnen gar nicht genug zugute halten, dass sie ein derartiges Angebot (…) machen“. Vielleicht haben sich beide Rezensenten nicht die Mühe gemacht, die dem Buch beiliegende DVD anzuschauen und vor allem anzuhören. Spätestens dann müsste ihnen aufgefallen sein, mit welch erbarmungsloser Gewalt den Kindern eine extrem hohe Singstimmlage geradezu eingequält wird. Bemerkungen wie „es ist sinnvoll, bei den drei- und vierjährigen Kindern die Lieder mit einem hohen Ton, also f2 oder g2 zu beginnen“, werden vom Leser des Buches vielleicht noch mit beifälligem Kopfnicken begleitet, beim Anschauen und –hören der Videosequenzen wird er jedoch mit der gnadenlosen Konsequenz solcher Forderung konfrontiert. Die Kinder singen und schreien tatsächlich fast ausschließlich in der Lage zwischen c2 und g2. Solch ein Verfahren tut den seriösen Bestrebungen zur Richtigstellung des kindlichen Stimmumfangs keinen Gefallen und schütten nur Wasser auf die Mühlen derjenigen, die nach wie vor behaupten, die Kinder könnten nicht hoch singen. Die von Sibrand Basa leichtfertig gerühmten „fast 100 Seiten Praxis“und von Heinz J. Scholz lobend herausgestellte „Fülle von Spielen mit Kleinkindern bei reicher Gesangsbeteiligung“erweist sich bei intensiverer Beschäftigung mit dem Buch als Danaergeschenk, wenn das zum Teil tatsächlich interessante Spielmaterial mit einer derartig gewalttätigen Stimmbehandlung einhergeht.
Übereinstimmend werden in beiden Besprechungen die Kopfschütteln hervorrufenden stimmphysiologischen Abschnitte des Buches kritisiert, Basa in diesem Bereich mit dankenswerter Klarheit. Scholz entschuldigt dies bei den beiden Autorinnen großzügig, qualifiziert bei seinen kritischen Bemerkungen „fast alle Gesanglehrwerke der letzten 40 –45 Jahre“gleich mit ab und verweist pauschal auf „kompetenteres Informationsmaterial“.
Der in dem Buch enthaltene Schnellkursus „Stimmbildung für Pädagogen“wird von Scholz zwar als „das heikelste Kapitel“bezeichnet, er hält den Autorinnen jedoch zugute, „dass sie ein derartiges Angebot aus der heutigen Notsituation machen“. „Besser so als gar nicht“, schreibt er trotz der Tatsache, dass in diesem Blitzkurs der Eindruck erweckt wird, dass mit fast nur einer einzigen Stimmübung alle stimmlichen Probleme beseitigt werden könnten.
Es stimmt schon traurig, wenn die zahlreichen Bemühungen von Kinderstimmbildnern um die gesunde Kinderstimme und die immerhin seit einigen Jahren erfreulichen Fortschritte in der Wiederbewusstmachung der Wichtigkeit von Kindersingen und –stimmbildung, in der Fachwelt der Gesangspädagogen so wenig wahrgenommen zu werden scheinen. Offenbar musste auf dieses Buch gewartet werden, dass, so Scholz, „endlich auch die Lage der Kinderstimme wieder in ihre vernünftige Höhe geführt wird“.
Andreas Mohr, Obere Martinistraße 3, 49078 Osnabrück

* Eine ausführliche Besprechung des Buches finden Sie in der neuesten Ausgabe von: "musikpraxis", Fidula-Verlag oder hier.

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Anne-Christine Langenbach

Singen in Kinder-Tageseinrichtungen
Wann gibt es eine Reform der musikalischen Ausbildung der Erzieher/-innen?
Gedanken zur Situation

Seit vielen Jahren wird geklagt über das Niveau des Singens in den Kinder-Tageseinrichtungen. Immer wieder setzen sich Musiker/-innen und Pädagogen/-innen für eine Verbesserung der musikpädagogischen Arbeit, insbesondere  für das „richtige“Singen mit Kindern im Vorschulalter ein.
Im Mittelpunkt der Kritik steht dabei immer wieder das Singen der Erzieher/-innen, die aber im Rahmen ihrer Fähigkeiten alles ihnen Mögliche tun. Für ihre in der Regel mangelhafte stimmliche Ausbildung können sie nichts und sind mit den nun an sie gestellten Anforderungen, was das kindgerechte Singen angeht, häufig überfordert - sei es wegen des fehlenden theoretischen Wissens oder wegen fehlender stimmlicher oder musikpädagogischer Fähigkeiten.

Vieles von dem, was immer wieder gefordert wird, kann man nicht oft genug wiederholen:

  1. verbesserte Musikausbildung der Erzieher/-innen
  2. Schwerpunktsetzung in der Musikausbildung auf das Singen
  3. tägliches kindgerechtes Singen im Kindergarten als Selbstverständlichkeit

Peter Brünger bemerkt 2003 in seinem Buch „Singen im Kindergarten“(Forum Musikpädagogik, Bd. 56, Wißner-Verlag):
“Der Stellenwert des Singens im Kindergarten wird wesentlich bestimmt von der Frage, ob die pädagogische Fachkraft eine Einsicht in die Bedeutung des Singens für die kindliche Entwicklung gewonnen hat. So ist etwa entscheidend, ob Singen als eine Aktivität unter vielen Angebotsmöglichkeiten des Kindergartenalltags oder aber als durchgängiges pädagogisches Prinzip betrachtet wird. Diese Einsicht muss während der sozialpädagogischen Ausbildung zwingend vermittelt und bewusst gemacht werden,…“

Dass dies bisher weitgehend nicht geschieht, erlebe ich bei meinen häufigen Besuchen in  Kindertageseinrichtungen.

Einzelne Initiativen leisten engagierte Arbeit, doch wegen fehlenden Einblicks in den Kindergartenalltag, durch Förderung lediglich einzelner Aspekte der gesangspädagogischen Arbeit und/oder durch Überforderung der überwiegend stimmlich schlecht ausgebildeten Erzieher/-innen bleibt die erhoffte flächendeckende Reformation des Singens in Kindertageseinrichtungen aus.

Zudem wird die Qualität des Singens leider zu oft alleine an dem Kriterium der Tonlage festgemacht, die zugegebenermaßen in der Regel zu tief liegt. Die Thematik des kindgerechten Singens ist jedoch viel komplexer, als dass man sie auf die Diskussion, ob nun das Singen in D-Dur oder in F-Dur die einzig wahre Lösung ist, reduzieren könnte.
Oft meinen daher Erzieher/-innen, die über keine besonders hohe Singstimme verfügen, sie wären alleine aus diesem Grunde für das Singen mit Kindern ungeeignet. In manchen Tageseinrichtungen gibt es wiederum Erzieher/-innen, die gut singen können, aber nicht auf die begrenzten Möglichkeiten der Kinderstimme eingehen.
So kam nach einer Fortbildung in einer größeren Einrichtung eine junge Erzieherin zu mir und bedanke sich sehr herzlich. Sie sei, so sagte sie, bisher der Meinung gewesen, sie könne nicht gut singen, weil ihre Kolleginnen sie immer deutlich übertönt hatten. Aber nun wäre ihr klar geworden, dass sie aufgrund ihrer kleinen, aber hellen Stimme immer automatisch richtig mit den Kindern gesungen hätte und dies nun mit mehr Selbstbewusstsein und Freude daran tun werde.  

Immerhin scheint die große Bedeutung der Entwicklung der Kinderstimme im Kindergartenalter und die daraus resultierende Verantwortung für die Bezugspersonen der Kinder ins Bewusstsein der Erzieher/-innen gerückt zu sein. War es noch vor einigen Jahren so, dass, wenn ich zum Singen mit den Kindern, zu Fortbildungen für die Erzieher/-innen oder zu Elternabenden in die Tageseinrichtungen kam, mir der Seufzer „Die Kantorin kommt, jetzt müssen wir wieder hoch singen“förmlich aus allen Ecken entgegen klang, passiert es nun immer wieder, dass ich mit den Worten: „Wir wollen höher singen, bitte sagen Sie uns doch, wie das geht“begrüßt werde.
Meist sind es die älteren Erzieher/-innen, die sofort bereit sind, sich auf das Abenteuer Kopfstimme einzulassen. Bei den jüngeren, die selbst schon zu der Generation gehören, in deren  Kindheit sowohl zu Hause wie auch in Kindergarten und Schule nicht, zu wenig oder „falsch“gesungen wurde, braucht es mehr Überzeugungskraft.  
Erstaunlich groß sind dabei die stimmlichen Fähigkeiten der Erzieher/-innen, die stimmbildnerische Übungen zu einem hohen Prozentsatz mit Leichtigkeit bewältigen. Der „Aha-Effekt“bei der Entdeckung der eigenen stimmlichen Höhe erfolgt in der Regel schnell und die Frage der Tonlage scheint mehr eine Frage des Wollens als des Könnens. Denn eine Umstellung ist in den meisten Fällen von Nöten, Stimmtraining –und sei es kurz täglich unter der Dusche –ist erforderlich und oft ist eine Einzelstimmberatung empfehlenswert.
 
Doch um dauerhaften Erfolg zu erlangen muss sich erheblich mehr als die Stimmlage ändern.

Die Erzieher/-innen erhalten ihre Qualifikation an Instituten, die in unverantwortlicher Weise die stimmliche Ausbildung der Aspiranten/-innen vernachlässigen. Dabei wird quantitativ durchaus angemessen Musikunterricht erteilt. Doch wird die stimmliche Ausbildung nicht, wie es meiner Meinung nach sein müsste, in den Mittelpunkt gestellt.
Nicht nur die Gesangsausbildung und die Lieddidaktik, auch die Sprecherziehung ist völlig unzureichend. Viele Erzieher/-innen leiden später im Berufsleben an chronischer Heiserkeit und anderen stimmlichen Problemen. Auch das theoretische Wissen über die Physiologie der eigenen Stimme und der Kinderstimme geht gegen Null. 
Nach wie vor gibt es Institute, an denen Stimm- / Gesangsunterricht lediglich wahlweise im Zusammenhang mit Instrumentalunterricht angeboten wird.  Doch kann das Erlernen eines Instrumentes keinesfalls das Singen ersetzen.  

Um die Ausbildungspläne zu ändern, müssen

  1. die angehenden Erzieher/-innen nach einer stimmlichen Ausbildung verlangen
  2. die Anstellungsträger auf eine stimmliche Qualifikation bestehen. So sollte bei Bewerbungsgesprächen das Singen eines Kinderliedes zum Standard gehören. Dabei geht es nicht um eine künstlerisch gesangliche Darstellung, sondern lediglich um den Nachweis der Fähigkeit, eine Melodie in kindgerechter Art singen zu können. Nur auf diese Weise wird der hohe Stellenwert des Singens für die Entwicklung der Kinder auch den Erzieher/-innen deutlich gemacht –solange dies nicht in der Ausbildung geschieht - , die von sich aus keinen Bezug zum Singen haben.

In den Einrichtungen treffen die Erzieher/-innen heute vermehrt auf Kinder, die schon im frühsten Alter stimmliche Auffälligkeiten zeigen. Kinder, die unter chronischer Heiserkeit leiden, sind in beinahe jeder Einrichtung zu finden. Die ärztliche Diagnose „Knötchen auf den Stimmbändern“ist bei Kindern im Kindergartenalter keine Seltenheit mehr. Dies ist ein unhaltbarer Zustand, der Handlungsbedarf ist groß und dringend.

Die Kinder erleben nur im Ausnahmefall, dass zu Hause „life“gesungen wird.  Das häufige Hören der –im musikalischen Sinne oft sehr guten, aber in für die Kinder sehr tiefen Lagen gesungenen - Popmusik und der vielen Kinderlieder-Kassetten sehr unterschiedlicher Qualität prägt die Stimmlage, wenn überhaupt gesungen wird. 
Dazu kommt, dass sie in einer Zeit geboren werden, wo es zu den Erziehungsidealen gehört, schon mit den Kleinsten stets auf vernünftige Art, „auf Augenhöhe“zu kommunizieren. Die „Babysprache“ist verpönt. Fakt ist jedoch, dass ein „vernünftiger Tonfall“eine erhebliche tiefere Stimmlage hat als die früher selbstverständliche verniedlichende Babysprache.
Schon bei den ersten Sprachversuchen, können die Säuglinge nur das nachahmen, was ihnen vorgemacht wird: eine für die rein physiologischen Möglichkeiten ihrer Stimme viel zu tiefe Sprechlage.
So bewegen sich die Kinder sowohl im Singen wie im Sprechen ständig am unteren Rand des Stimmumfangs, dazu leben sie in einer lärmenden Gesellschaft, in der man sich gern mit großer Lautstärke bemerkbar macht. Aus diesen Gründen haben die Kinder kaum eine Chance auf eine natürliche Stimmentwicklung.

Auf diesem Hintergrund kommen Kinder und Erzieher/-innen in den Tagesstätten zusammen.
Viele Erzieher/-innen sind sich inzwischen der Problematik bewusst, doch der Weg zu Änderungen ist weit, denn diese betreffen nicht nur das Singen, sondern den Umgang mit der eigenen Stimme während des gesamten Kindergartentages.

Ein mir besonders wichtiges Beispiel ist folgendes:
Die überwiegende Zahl der weiblichen Erzieherinnen hat eine stimmlich besonders schwierige Position. Ihre natürliche Sprechlage ist der der Kinder sehr ähnlich. Wollen sie sich durchsetzen oder die Aufmerksamkeit der Kinder erzielen, tun sie dies leider häufig durch das Einsetzen einer sonoren, tiefen und nachdrücklichen Sprechweise (ich spreche aus eigener Erfahrung). So kann man sie unter dem Kinderstimmen zwar gut hören, die Folgen sind aber fatal, lernen die Kinder doch, dass, wenn man etwas Wichtiges zu sagen hat, man besonders tief und kräftig sprechen muss.
Alternativ ist dringend zu empfehlen, um die Aufmerksamkeit der Kinder zu erregen, entweder Instrumente einzusetzen (z.B. Gong zum Aufräumen, Triangel zum Schlusskreis) oder Liedrufe für bestimmte immer wiederkehrende Situationen zum Ritual werden zu lassen. Die Kinder stimmen mit ein und können sich sammeln.

In den Tageseinrichtungen gibt es mehrere Möglichkeiten, das Singen verstärkt in den Alltag einzubringen:

  1. im Morgen-/ Tages- /Schlusskreis, wie schon in den meisten Einrichtungen selbstverständlich
  2. mit situationsgebundenen Liedrufen (z.B. Aufräumzeit, es ist soweit) in der klassischen Rufterz
  3. mit „Singstunden“, die regelmäßig oder unregelmäßig in den Tagesablauf eingebaut werden können. Dabei sollte besonders auf das „richtige“Singen geachtet werden. Atemübungen, Haltungsübungen, Stimmübungen (Stimmbildungsgeschichten u.ä.) haben hier ihren Platz. Auch kann hier erklärt werden, was gut und was nicht so gut für die Stimme ist (z.B. Unterschied schreien / rufen erklären und richtiges Rufen üben)
  4. bei Festen und Feiern
  5. und natürlich einfach so zum Spaß z.B. beim Spiel oder beim Spaziergang

 Neben der quantitativen Steigerung des Singens bedarf es dringend einer genaueren Definition des „kindgerechten“Singens und deren Umsetzung.
Hier ein Versuch.
Kindgerechtes Singen, dazu gehört:

  1. Singen mit der Kopfstimme (helles Singen)
  2. Singen in möglichst höherer Stimmlage (nicht unter C1) - Alt / Bassstimmen sollten immer in der obern Hälfte ihres Stimmumfangs mit leichter Stimme singen; beim Singen in der Gruppe, falls möglich,  den Kollegen/-innen mit höheren Stimmen das Anstimmen überlassen und selbst die hohen Töne aussparen.
  3. leises  Singen - Kinderstimmen sind, wenn sie in ihrer natürlichen Lage klingen, leise! Die Erzieher/-innen müssen sich angleichen, die Kinder müssen sich hören können
  4. langsames Singen - die Kinder brauchen Zeit um die Texte zu artikulieren, nur dann haben auch die jüngeren Kinder die Chance, die Lieder wirklich mitsingen zu können
  5. Lieder mit kleinem Umfang, wenig Strophen (oder nur leicht veränderten Strophentexten) sind zu bevorzugen. Die Erzieher/-innen sollten die Lieder beherrschen (Texte auswendig!), bevor sie sie mit den Kindern üben. Der/die Erzieher/-in wird selbst zum Maßstab: wenn er/sie sich nicht die Texte merken kann, wird auch das Kind überfordert sein
  6. Kinder lernen am meisten durch vielfache Wiederholungen. Bis die Kinder die Melodie eines Liedes sicher wiedergeben zu können, braucht es auch bei täglichem Singen oft Wochen.

Empfohlen wird ein grundlegendes Kinderliedrepertoire für eine Einrichtung, das zu Themengruppen, für Auftritte bei Festen, Gottesdiensten u.a. langfristig erweitert werden kann

Glücklicherweise gibt es immer noch Kinder, die von sich aus richtig singen können. Wer sich einen Moment Zeit nimmt, sie dabei beobachtet und ihnen zuhört, kann so leicht lernen, welchem Klangideal er/sie als Stimmerzieher/-in nacheifern sollte, um wiederum als Vorbild für alle Kinder „den richtigen Ton“zu treffen.

Bei Aufführungen mit einem Vortrag eines Liedes durch die Kindergruppen erlebt man immer wieder, dass nur ein Teil der Kinder wirklich singt und die singenden Kinder kaum zu hören sind. So kommt es dazu, dass man nur die Erzieherinnen hört. Dies wird leider von Eltern oft angemahnt, die meinen, die Kinder wären einfach schlecht zum Singen angeleitet worden Die Erzieher/-innen werden so verleitet, die Kinder zum lauteren Singen aufzufordern. Es entsteht ein gebrüllter Klang, der den Kinderstimmen einmal mehr schadet.
Statt den Beschwerden der Eltern nachzugeben, müssen die Erzieher/-innen den Eltern erklären, dass Kinder nicht laut singen. Will man die Kinder hören, muss man zu Raummikrophonen greifen, mit denen das Problem auf einfache Art gelöst werden kann.
Außerdem befinden sich die meisten Kindergartenkinder in dem Alter, in dem man alles aufnimmt und nachahmt, aber noch nicht fähig ist, das Geübte zu einem bestimmten Anlass wiederzugeben. Ein Kindergartenkind, das bei einem Liedvortrag vorne steht und statt zu singen nur erstaunt, verschüchtert oder neugierig um sich schaut, verhält sich absolut altersgemäß. Die Situation des Auftritts allein fordert die Kinder stark heraus.
Dabei erleben die Kinder den Liedvortrag durchaus intensiv mit.
Ein solch „schweigendes“Kind kam einmal nach einem Vorsingen fröhlich zu mir gelaufen und sagte: „Hast du gehört, wie gut ich gesungen habe?“
 
Bei Singstunden mit Kindergartenkindern in meiner Singschule singe vor allem ich. Die Kinder sind mit Zuhören, evtl. Bewegungen oder Instrumenten genug beschäftigt. Lediglich bei den wöchentlich immer wiederkehrenden Liedern, die zum festen Ablauf der Singstunde gehören, entwickelt sich so etwas wie ein „Chorklang“. Die Eltern berichten aber regelmäßig, dass die Kinder alle Lieder zu Hause gerne und unermüdlich vor sich hin singen.
Auf ein Vorsingen arbeiten wir lange hin, indem vor allem die Situation besprochen und mehrfach durchgespielt wird. Die Lieder, die zum Vorsingen ausgewählt werden, müssen den Kindern gut bekannt sein. Wiederholungen lieben die Kinder besonders, fühlen sie sich dabei doch besonders sicher. So können sie bei ihren „Vortrags-Schlagern“am ehesten die Situation meistern und wirklich singen.
Bewusst vorsingen und das Eingeübte wiedergeben können die meisten Kinder erst im Vorschulalter.   

Die Verantwortung, die die Erzieher/-innen für die gesunde Entwicklung der Kinderstimme und die damit verbundene Persönlichkeitsentwicklung der Kinder haben, ist groß. Es ist dringend nötig, dass die Ausbilder, die Erzieher/-innen und deren Anstellungsträger sich dieser Verantwortung noch stärker bewusst werden und daran arbeiten, die stimmliche Qualifikation der Erzieher/-innen  sowie die musikpädagogischen Fähigkeiten in der Ausbildung und durch Fortbildungen ständig zu verbessern.

Anne-Christine Langenbach
Bezirkskantorin im Evang. Kirchenbezirk Ladenburg-Weinheim
Leiterin der Singschule an der Peterskirche Weinheim
Stadtmühlgasse 12
69469 Weinheim

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Dr. Winfried Adelmann

Statement zur Singlage von Kindern

Sehr geehrter Herr Mohr,
da mein Name und die Ergebnisse meiner Dissertation in einigen Ihrer Beiträge, aber auch in einem Artikel in der NMZ vom Sommer 2005, teilweise sehr verkürzt erwähnt werden, möchte ich Ihnen hier in Kürze die Ergebnisse meiner damaligen Forschung und meine Schlüsse darstellen. Über eine Veröffentlichung auf Ihrer Internetseite wäre ich im Sinne des kollegialen Austausches dankbar. Herzlichen Gruß, Ihr Winfried Adelmann

Zur Methode:
Ich untersuchte die Vorschulkinder meiner damaligen Schule auf Ihre stimmlichen Möglichkeiten (Stimmumfang und mittlere Sprechstimmlage) und verglich diese mit den in der Literatur genannten Werten und fand nur geringe oder auch gar keine
Abweichungen. Zeitgleich stellte ich den Umfang von etwa 800 Kinderliedern in Liederbüchern und
auf Tonträgern (Kassetten, CDs, TV) fest und stellte die Ergebnisse in Beziehung zueinander. (Zur Vergleichbarkeit benutzte ich einen Mittelwert des Tonumfangs unter Berücksichtigung der Tessitur.) Hier gab es große Unterschiede: Schulliederbücher/ Allgemeine Liederbücher, unterschiedliche CDs, TV-Sendungen etc. Auch trainierte ich mit einer Vergleichsgruppe von Kindern ein 3/4 Jahr lang und erhielt etwas günstigere Werte beim Stimmumfang. (Leichte Erweiterung nach oben und unten.)
Aus diesen Ergebnissen habe ich eine Überlegung abgeleitet, welches wohl eine geeignete Tonlage und der günstigste Umfang für das Singen mit ungeübten Kindern in Vorschulklassen wäre.

Dazu einige Vorbemerkungen:
1. Die meisten Kinder singen von sich aus eher tiefer als ich es für günstig erachte.
2. In Gruppen (Kindergarten, Grund- und Vorschulklassen etc.) wird nach meinem Erleben häufig in eben dieser etwas zu tiefen Lage gesungen.
3. Die Umfänge, Melodieführung und die Inhalte der Lieder überfordern die Kinder oft und das traditionelle Liedgut ("etwas Gutes") wird meist nicht mehr berücksichtigt.

Nun also meine Empfehlung, die ich schon 1999 - natürlich ausführlicher - aufgeschrieben habe*:
Singen wir mit ungeübten Kindern zunächst in der Lage der gehobenen Sprache (um den Ton e1 herum) im Umfang einer Sexte (also von c1 bis a1) und heben wir durch „Learning by doing“diesen Bereich im Laufe der Zeit um einen Ganzton an (fis1; „Mittelwert für die optimale Tonlage“= MoT), so bewegen wir uns in einem Bereich, der auch für Ungeübte leicht möglich und noch nicht schädlich ist. (Diese Ungeübten sind ja oft nicht nur die Kinder ... auch Erwachsene singen hier müheloser.)
Sollten wir Lieder bis zum Oktavbereich oder knapp darüber auswählen, so müsste der Umfang also etwa b bis c2 oder später c1 bis d2 gewählt werden. Alles darüber, aber auch darunter, benötigt viel Fingerspitzengefühl, Erfahrung und (gesang-)pädagogisches Geschick von Seiten der Pädagoginnen und Pädagogen.   

Alle diese Überlegungen beziehen sich auf Gruppen von ungeübten oder wenig trainierten Kindern und auch die Tessitur des Liedes sollte unbedingt berücksichtigt werden. (Auch dafür habe ich eine Methode vorgeschlagen: Liegen mehr Töne eines Liedes unterhalb seines Mittelwerts ist die Tessitur tief, der Durchschnittswert des Liedes wäre also einen bis zwei Halbtöne tiefer als der Mittelwert, im umgekehrten Fall höher. Dieser Durchschnittswert sollte mit dem MoT übereinstimmen oder ihm zumindest sehr nahe kommen.)

Selbstverständlich gilt das nicht für Kinderchöre, deren Repertoire sich nicht nur aus neueren Liedern der (Pop-)Szene oder einfachen Kinderliedern zusammensetzt. Hier sind ja meist auch professionelle Stimmbildner-innen  oder Chorleiter-innen an der Arbeit, die mit Ihren Möglichkeiten und den dort teilnehmenden Kindern mehr erreichen können und wollen.

Meine Erfahrung ist:
Singe ich Lieder aus unterschiedlichen stilistischen „Lagern“in den genannten Bereichen, so kann ich diese sicher und ohne Mühe vermitteln und mit Freude singen lassen. Weder tut es dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“weh, in D-Dur gesungen zu werden (tiefe Tessitur, Durchschnittswert: fis1), noch werden die Kinderstimmen in dieser Lage „kaputt-gebrustet“. Das oft notierte F-Dur fällt dagegen vielen sehr schwer. Ein „Immer wieder kommt ein neuer Frühling“von Zuckowski hingegen in F-Dur, was einem Umfang von e1 bis d2 entspricht und bei tiefer Tessitur einem Durchschnittswert von gis1, klingt nicht originalgetreu, weil es in dieser Lage nicht so leicht im Stile eines Liedermacherliedes gesungen werden kann. Ich würde es im Sinne meiner aufgezeigten Ergebnisse in D-Dur singen lassen (Durchschnittswert: f1). Leider wird es in den gängigen Liederbüchern in C-Dur (Originallage) notiert. Das geht zwar gerade noch, ist aber mit einem Umfang von h bis a1 und einem Durchschnittswert von es1 eben tiefer als für völlig Ungeübte von mir vorgeschlagen und fällt den Kindern ohne Verstärkertechnik auch schwer. 

Abschließend möchte ich betonen, dass ich einen guten Kinderchor, dessen Soprane das f2/g2 sicher beherrschen, sehr gern höre und auch weiterhin den Leiter-innne-n solcher Chöre alles Gute für Ihre Arbeit wünsche. Für die Breitenarbeit in Schulen, Kindergärten, Kindergruppen und auch Chören mit nicht ganz so hohem Anspruch genügt das Singen in den von mir vorgeschlagenen Bereichen sicherlich aus um
1. den Spaß,
2. die stilistische Vielfalt und
3. die Gesundheit der Kinderstimmen
zu erhalten und zu fördern.

In diesem Sinne: Hören wir hin, schauen wir auf die Kinder und genießen wir, dass nach Jahren der Singenthaltsamkeit in Deutschland endlich wieder mehr gesungen wird.
Also: Singen wir mit Kindern, so oft und so viel uns nur möglich ist!
Dr. Winfried Adelmann, Störtebekerweg 60 B, 21149 Hamburg

* Info dazu von Andreas Mohr: Wer sich über Adelmanns Untersuchung näher informieren möchte, sei hier auf seine Dissertation hingewiesen:
Adelmann, W. Geeignete Tonlagen und Umfänge für das Singen von Liedern in Vorschulklassen. Hamburg: Kovac 1999.

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Volker Schneider

Entgegnung auf Herbert Bruhns Artikel (s. u.)

Ich habe die Pubklikation des Herrn Prof. Bruhn doch mit einigen Entsetzen gelesen. Ich betreibe als Lehrer am Gymnasium seit zwei Jahren einen reinen Singklassenunterricht in Musik. In BW ist in Klasse 5 Musik dreistündig, was mir erlaubt,in guter Regelmässigkeit Resonanzräume zu erschliessen und die Körperspannung gezielt aufzubauen. Mein Ergebnis: bei zwei - und mehrstimmiger Literatur will kaum noch jemand die tieferen Stimmen singen. Die Ausbildung einer guten Tiefe fällt mir schwerer als die Ausbildung der Höhe.
Darüberhinaus beobachte ich in nunmehr fast 30 Jahren Stimmbildungsarbeit fast immer eine Entwicklung der mir anvertrauten Stimmen nach oben. Zur Frage: "Wer singt heute noch in der Kirche?" lade ich Herrn Prof. Bruhn zu einem Besuch auf der schwäbischen Alb ein. Ich erlebe jeden Sonntag einen angenehm zu hörenden Gesang in der Kirche. Das Thema Kirchengesang ist ein besonderes, das einer extra Erörterung bedarf. Aber es gelingt an vielen Stellen glücklicherweise sehr gut.
Volker Schneider, Mauren 14. 72501 Gammertingen

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Birte Reuver

Mit Kindern natürlich höher singen

Mit Kindern natürlich höher singen. Das mache ich jetzt. „Natürlich“ meine ich dabei im wahrsten Wortsinn. Dazu gebracht hat mich folgendes Erlebnis:
Auf einer meiner letzten Fortbildungen* für ErzieherInnen und Kinder lernten die TeilnehmerInnen u.a. das Tomatenlied von mir. Ich habe es in C-Dur geschrieben. Thematisch, musikalisch und von den Gestaltungsmöglichkeiten her kam es sehr gut an, sodass sich die Gruppe x vornahm, das Tomatenlied für das Konzert vorzubereiten. Als ich ca. 2 Wochen später zum Coaching-Termin in die Einrichtung kam, wurde ich von den Kindern freudig singend begrüßt. Sie sangen das Tomatenlied, Text und Melodie deutlich und klar vernehmbar. Nur: sie sangen in G-Dur!!! Von ganz alleine hatten die Kinder mein Lied eine Quinte (3,5 Töne) höher angestimmt!!
Diese Beobachtung bestätigt sich immer wieder: wenn (Kindergarten-)Kinder von sich aus Lieder anstimmen, singen sie diese 2-4 Töne höher als wir Erwachsenen sie normalerweise anstimmen würden. Die 2. Beobachtung ist die: wenn Kinder angehalten werden, unsere Stimmlage zu übernehmen, kommen oft gar keine erkennbaren Melodien zustande. Das ist schade um die Melodie. Aber wenn wir genau hinhören, merken wir an der Art des „Singens“ (es entsteht mehr ein Sprechgesang), dass es die Kinder anstrengt, bzw. dass es ihnen gar nicht wirklich möglich ist, in der uns gewohnten Lage zu singen. Und das ist wirklich Schade um die schönen Stimmen! Aber weil ich viele Kinder auf ihre natürliche Art und Weise schon so schön singen gehört habe, will ich sie unbedingt darin unterstützen und singe jetzt mit Kindern grundsätzlich einige Töne höher.
Ich möchte mich dafür stark machen, Ohren zu öffnen. Hört mal hin, wie Kinder wirklich singen, wenn sie von alleine singen!
Birte Reuver, Poeckstraße 12, 21033 Hamburg

*Liedertandem, es geht um die Vorbereitung, Planung und Durchführung eines Konzertes mit Kindern ? www.kuenstlertandem.de

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Entgegnung auf den Artikel: »Schöne, hohe Kinderstimme?» von Herbert Bruhn in »Musik in der Grundschule« (1/2005)
Quelle: «Musik in der Grundschule» 2/2005

Andreas Mohr

Hochgetriebene Kinderstimmen im Auftrag der Kirche?
Kinder sollen tief singen, weil es ihnen mehr Spaß macht?

Herbert Bruhn verblüfft die Leser von „Musik in der Grundschule“ (Heft 1/2005) mit „neuen Erkenntnissen über ein Stimmideal“, die nicht unwidersprochen stehen gelassen werden können. Es geht um die Diskussion, in welcher Lage man mit Kindern singen soll. Bruhn propagiert das Singen „um das eingestrichene C herum“, hier sei der Schlüssel zum Singen in der Grundschule, hier hole man die Kinder ab. Wer’s stimmbildnerisch drauf habe, könne dann „Tölzer Knaben und Mädels aus ihnen“ machen, wer nicht, der singe lieber tief mit den Kindern. Und warum? Weil es den Kindern mehr Spaß macht, weil die Lehrerinnenstimme dann besser klingt und der Zuhörer entspannt ist!

Erforschen wir deshalb mit großer Sorgfalt und wissenschaftlicher Akribie den physiologisch richtigen Umfang und die gesunde Registerstruktur der Kinderstimme, um am Ende zu erfahren: „Kinder singen lieber tief, auf jeden Fall tiefer als es die Noten in den gängigen Liederbüchern aufzeigen“? Wie so oft in dieser leidigen Diskussion wird wieder einmal Ursache und Wirkung verwechselt: Kinder singen nicht deshalb lieber tief, weil dies ihrer Stimmveranlagung entspricht, sondern weil sie in unserer Gesellschaft von klein auf massiv zum Singen in der Sprechstimmlage angehalten werden, was den naturhaft vorhanden Stimmumfang von ca. 4 Oktaven auf die Spanne zwischen dem kleinen g und dem zweigestrichenen c reduziert. Bei temperamentvollem Gebrauch dieser Lage kommt es zu Isolierung der Stimme im Brustregister und zum Verlust der Höhe oberhalb von c2. Geben wir den Einflüssen der Medienlandschaft und dem Trend zum Mitsingen mit Musikkonserven hier aus Bequemlichkeit zu sehr nach, werden die Kinder von heute auch als Erwachsene lediglich den bescheidenen Umfang der Sprechstimmlage zum Singen zur Verfügung haben, wie dies bei vielen Erwachsenen heute schon der Fall ist. Was aber entgegnen wir, wenn die Kinder von heute in 20 Jahren fragen, warum wir ihnen den ganzen Stimmbereich oberhalb von c2 nicht erschlossen haben? Weil es für die Lehrerin bequemer war?

Zum Schluss klärt uns Bruhn über die wahren Hintergründe des Irrtums von der hohen Kinderstimme auf: es war das Singen in der Kirche, das die Stimme hochtreibt. Jedoch eines ist ganz sicher: man kann der Schule und Kirche des 19. Jh. viele Versäumnisse in der Kindererziehung anlasten, aber gewiss nicht, dass „lautes Choralsingen in der Kirche“ die Stimmen der Kinder hochgetrieben hätte. In den Lehrplänen und Verfügungen des 19. Jh. über den Schulgesang ist immer vom leisen, schönen und veredelten (also kopfstimmigen) Gesang die Rede, gerade was das Choralsingen angeht. Dies hat mit „Hochtreiben der Stimme“ nichts zu tun.

Dem Kinderstimmbildner wäre längst nicht so sorgenvoll zumute, wenn heutige Kinder ihre Stimme weniger bruststimmbetont benützten, mehr zum kopf- und mittelstimmigen Singen angeleitet würden und so mit größerer Sicherheit eine gesunde Singstimme ins Erwachsenenalter mitnehmen dürften. Vielleicht findet Bruhn es dann auch nicht mehr unzeitgemäß, in der Kirche zu singen.
Andreas Mohr, Obere Martinistraße 3, 49078 Osnabrück

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Artikel von Herbert Bruhn in «Musik in der Grundschule» (1/2005)

Herbert Bruhn

Schöne, hohe Kinderstimme?
Neue Erkenntnisse über ein Stimmideal

Singen ist wieder angesagt: Mindestens zwei Generationen von MusiklehrerInnen haben es mit Musiktheorie und Verkrampfungen zu vermeiden versucht. Jetzt ist Singen eindeutig wieder gesellschaftsfähig.
Theodor W. Adorno hatte vor der gedankenlosen Übernahme von Ideologien in den Liedern gewarnt - kein Wunder, wenn man wegen des Nationalsozialismus in die USA emigrieren muss und bei der Wiederkehr 1950 die alten Lieder hört. Viele ehemals von den Nazis berufene Lehrer und Professoren haben daraufhin nicht Besseres zu tun gewusst, als das Singen ganz zu vermeiden. Die Flucht der Musikpädagogen in Theorie, Klassik-Interpretation und zwölftönige Kunstmusik hat jedoch in den 70er Jahren Handlungswissen verloren gehen lassen: Wie singen Kinder - hoch oder tief? Was ist richtig?
Bereits Emil Fröschels hatte es 1921 an mehreren hundert Kindern nachgewiesen: Kinder können hoch singen, mögen es aber nicht. 1982 wiederholt Rosamund Shuter-Dyson die Untersuchungen, 1991 kommt aus den USA dieselbe Nachricht und gerade liegt mir wieder eine Dissertation von Winfried Adelmann (1999) vor: Kinder singen lieber tiefer, auf jeder Fall tiefer als die Noten in den gängigen Liederbüchern aufzeigen. Die Lage, in der sich die meisten Kinder wohl fühlen, liegt genau in der Mitte des Klaviers, um das eingestrichene "C" herum, dem "Schloss-C". Hier steckt nicht nur der Schlüssel des Klaviers, sondern auch der Schlüssel zum Singen in der Grundschule. Hier holt man die Kinder ab. Wenn man als Lehrer gut genug in Stimmbildung ist, macht man Tölzer Knaben und Mädels aus ihnen - oder man lässt sie tief singen. Das macht nicht nur den Kindern mehr Spaß, sondern lässt auch die Lehrerin besser klingen und entspannt die Zuhörer.
Wieso aber ist der Glaube so weit verbreitet, dass Kinderstimmen höher lägen als die Stimmen Erwachsener? Das hängt mit dem wenig ausgeprägten Teiltonspektrum von Kinderstimmen zusammen: Es sind viel weniger Teiltöne so deutlich ausgeprägt wie bei einer erwachsenen Stimme. Kinderstimmen sind grundtonbestimmt, das macht sie hell und hoch. Ähnlich wie bei den Altistinnen, die in der Tenorstimme aushelfen: Die "Teneusen" bleiben erkennbar die hohen Stimmen, weil ihre Stimmen obertonärmer sind..
Genau genommen aber kommt das Hochtreiben der Stimme aus dem 19. Jahrhundert. Damals war der Musiklehrer dazu angehalten, die Bevölkerung zum lauten Choralsingen in der Kirche anzuleiten. Aber mal ehrlich: Wer singt heute noch in der Kirche?
Prof. Dr. Herbert Bruhn, Schmarjestrasse 6, 22767 Hamburg

Literatur
Adelmann, W. (1999). Geeignete Tonlagen und Umfänge für das Singen von Liedern in Vorschulklassen. Hamburg: Kovac.
Adorno, T. W. (1952). Kritik des Musikanten. In Adorno, T. W. (Hrsg.), Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt (S. 62-101). Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht (6. Aufl. 1982)
Bruhn, H. (1993). Singen und Erkennen von Melodien. In Bruhn, H., Oerter, R. & Rösing, H. (Hrsg.), Musikpsychologie. Ein Handbuch (S. 283-290). Reinbek: Rowohlt (4. Aufl. 2002)
Fröschels, E. (1921). Untersuchungen über die Kinderstimme. Zentralblatt für Physiologie, 34, 477-484.
Oerter, R. & Aufschläger, M. (1998). Entwicklung kindlicher Gesangsimprovisationen im Vorschulalter. München: in Vorbereitung.
Oerter, R. & Bruhn, H. (1996). Künstlerische Fächer: Das Beispiel Musik. In Weinert, F. E. (Hrsg.), Psychologie des Unterrichts und der Schule (Enzyklopädie der Psychologie, Pädagogische Psychologie Bd. 3, S. 535-570). Göttingen: Hogrefe.
Shuter-Dyson, R. (1982). Psychologie musikalischen Verhaltens (Musikpädagogik, Forschung und Lehre, Bd. 14). Mainz: Schott.

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Leserbrief zu dem Artikel: »Gute Idee – zu wenig Zeit. Projekt der Bertelsmann-Stiftung: „Kita macht Musik“« vom 16. 02. 2005 in der Neuen Osnabrücher Zeitung (NOZ)

Schöne heile Musikwelt in Osnabrücks Kitas?

Die Osnabrücker Erzieherinnen und Erzieher sehen keine Notwendigkeit für das Fortbildungsangebot der Bertelsmann-Stiftung. Weil „Musik schon integraler Bestandteil sei, ist »Kita braucht Musik« nicht unbedingt akut für die Leiterin der Kita Wüste und ihre elf Kolleginnen. Hier „ertönt Rasseln, das dumpfe Dröhnen einer Trommel“ und hier „stimmen die Kinder fröhlich ihr Lied an und machen viel Lärm dabei“.
Plant die Bertelsmann-Stiftung ihr Fortbildungsangebot also am Bedarf vorbei? Möglicherweise gehört Musizieren ja wirklich zum Standardprogramm. Was aber das Singen angeht, liegt (auch) in Kindergärten vieles im Argen. Peter Brüngers Studie »Singen im Kindergarten« (Augsburg 2003) belegt durch Umfrage bei ca. 1000 Kindergärten in Niedersachsen und Bayern eindrucksvoll, was uns Kinderchorleitern und –stimmbildnern seit Jahren große Sorgen bereitet. In viel zu vielen Kindergärten wird viel zu selten gesungen – und wenn, dann häufig in wenig stimmförderlicher Weise. Es genügt eben nicht, dass Kinder „fröhlich ihr Lied anstimmen“, sie müssen auch kompetent zum gesunden Umgang mit ihrer Stimme hingeführt werden und die dafür geeigneten Kinderlieder singen. Leider sind jedoch viele der modernen „Liedermacher-Lieder“ durchaus nicht stimmförderlich im Sinne einer gesunden Stimmentwicklung. Hierüber erfahren die Erzieher/innen allerdings in ihrer Ausbildung kaum etwas, weder über die Besonderheiten der Kinderstimme noch über das erforderliche Repertoire.
Fortbildung auf diesem Gebiet ist nachdrücklich geboten. Allerdings zeigt Brünger in der erwähnten Studie auch, dass gerade solche Erzieher/innen, die stimmliche Nachschulung am dringendsten nötig hätten, sich am wenigsten zu den angebotenen Veranstaltungen melden.
Andreas Mohr, Obere Martinistraße 3, 49078 Osnabrück

 

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